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Wallfahrt in den Wolken

von Timo Vogt

Im Spätsommer machen sich Tausende auf zu einer Wallfahrt in das kleine georgische Bergstädtchen Kasbegi, um „Maria Entschlafung“, den höchsten Feiertag in der orthodoxen Kirche, zu begehen. Scharenweise klettern sie im Schatten des Kasbek, einem der höchsten Felsmassive im Kaukasus, hinauf zum Kloster Tsminda-Sameba („Heilige Dreifaltigkeitskirche“), um ein religiöses Fest mit Tieropfern zu feiern. Fast jede Familie bringt einen Hammel mit, den sie nach der Lithurgie schlachten wird.
 
In den entlegenen Regionen des Kaukasus haben sich seit der frühen Christianisierung heidnische und bisweilen archaisch anmutende religiöse Rituale bis heute erhalten. Und so sitzen die Mönche der Tsminda Sameba nach der Lithurgie im Kirchhof und versuchen so gut es geht das blutige Spektakel auf der Felsnase, auf der die Kirche steht, zu ignorieren.
Die Geistlichen wissen, dass die Menschen diese althergebrachten Traditionen lieben. Ohne sie würden wohl nur noch wenige Kirchgänger den steilen Weg zu Tsminda Sameba auf sich nehmen. Aber noch kommen sie und der Wein fließt in Strömen, wenn der Hammel sein Blut gelassen hat.