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Vercors

von Markus Golletz

Grenoble fliegt vorbei, ich setze den Blinker, tausche die leidige Autobahn bei St. Gervais endlich gegen eine Landstraße. Es ist die D 35, die "Route des Ecouges", die sich eng an eine Felswand schmiegt und beherzt nach oben führt. Hier beginnt das Vercors, eine mächtige Barriere aus mannigfaltigem Gestein. So unscheinbar, wie dieser bewaldete Gebirgszug auf der Karte aussieht, so steil und imposant gibt er sich in Natura.
 
Schauinsland auf Französisch
Im wilden Zickzack geht es hinauf, bis sich schließlich in Richtung Westen eine majestätische Aussicht ins Rhônetal auftut. Dort verläuft irgendwo die "Autoroute de Soleil", die Piste, auf der halb Europa sonnenhungrig Jahr für Jahr hinunter ans Meer zieht. Die herannahenden Wolkenberge lassen eine gewisse Norwegen-Atmosphäre aufkommen. Gebirgstouren im Herbst haben etwas unberechenbares, doch wir geben die Hoffnung nicht auf, hier mit ein paar milden, sonnigen Tagen noch einmal ein bisschen Sommerstimmung zu genießen.
Etliche Rinnsale queren die Straßen - in der letzten Nacht muss es bereits heftig gegossen haben -, und an der alten, steinernen Randsicherung der Passstraße haben sich grüngelbe Flechten festgesaugt. Ein Naturtunnel ist in die Felswand gehauen, daneben windet sich ein Teerband, kühn wie die Calanque auf Korsika, am Abgrund entlang. Einbahn-Verkehr, im Tunnel hin, außen zurück. Für Corina und mich heißt das: ab in die Finsternis.
Das Scheinwerferlicht wird vom pechschwarzen Nichts aufgesogen, mit dem Motorrad tasten wir uns dem kleinen hellen Fleck am Ende der Röhre entgegen. Am Ende stehen wir inmitten der ›Route des Ecouges‹ und entschwinden durch eine Felsscharte in die Schlucht. Am Tunnelausgang zweigt die Straße ab, die, immer in der Wand lang, wieder zum Ausgangspunkt führt. Der Herbstwind hat Laubwehen aufgetürmt, die so hoch sind wie die steinernen Randmauern. Deswegen prüfe ich sicherheitshalber zu Fuß, ob sich darunter noch Straße ist… Beim zweiten Mal ist der Tunnel beinahe ein Heimspiel. Die Ecouges-Route führt nun in einem landschaftlich völlig unterschiedlichen Hochtal an die Gorge de la Bourne.
Nahe dem charakteristischen Vercors Dörfchen Pont-en-Royans, in Chorance, schlagen wir das Zelt auf dem einzigen geöffneten Municipal-Campingplatz auf und gönnen uns einen Tag für Erkundungen in den berühmten Schluchten der Umgebung. Ab Chorance wirden die Gorges de la Bourne spektakulär. Mächtige Felswände ragen aus dem leicht herbstlich angehauchten Wald, vor uns eine Straße, die mühevoll aus dem Stein gesprengt wurde. Am Nachmittag zieht Regen auf und man kann es als Glück im Unglück betrachten, das diese steinernen Überhänge uns nun „prima Unterstellmöglichkeiten“ bieten. Die »Combe Laval« ist der eigentliche Klassiker des Vercors, der aber bei dem Wetter heute kein Sinn macht. Bei Regen bringt uns hauptsächlich die PMU Sportsbar in Pont-en-Royans die nötige Wärme und Unterhaltung.
 
Viva La Resistance
Der honore Kneipier poliert die Gläser, während sich unter uns unauffällig eine Lache Regenwasser ausbreitet. Im Hinterzimmer wir Billard gespielt. Wir hören die Kugeln karambolieren. Der Kneipier hat tatsächlich eine Art Baskenmütze ins Gesicht gezogen, eine Zigarette im Mundwinkel (ein Bild, das andernorts Europa der Vergangenheit angehört). Als wir über unserer durchnässten Landkarte grübeln, schiebt sich sein Kopf zwischen unsere und sein Finger pocht auf bestimmte Orte auf der Karte.
Ob wir wissen, wie es mit der Resistance war im Vercors? Wir seien doch Deutsch? Die République du Vercors hätte es hier gegeben im II. Weltkrieg und eine Menge der Ortsansässigen seien im Widerstand gewesen gegen Nazideutschland.
Zahlreiche Partisanenüberfälle im Rhône-Tal und in den Alpen wurden vom Vercors aus vorbereitet und durchgeführt, sagt der alte Mann nicht ohne stolz. Doch auch General de Gaulles hat sich dabei etwas überschätzt. Die Alliierten hatten den Partisanen seinerzeit Unterstützung versprochen, siegesbewusst formierte sich deswegen im Februar 1944 der antifaschistische Widerstand zur ›République du Vercors‹. An Kampfkraft soll es die Resistance nach Ansicht Eisenhowers auf eine Stärke von 15 Divisionen gebracht haben. Doch dann kam es dick für die Kämpfer. Das Versprechen General de Gaulles, Luftlandetruppen im Vercors abzusetzen, die die Resistance in einer Luftbrücke mit Waffen, Munition und wichtigen Gütern versorgen sollte, wurde nicht eingehalten. So geriet man in eine Zwickmühle. Dabei hebt der den Finger von der Karte und spricht zu uns in einem Tonfall, als sei er selbst dabei gewesen. Dann gab es da noch einen intensiven Angriff der deutschen Wehrmacht im Juli 1944, fährt er fort, und der wurde zu einem üblen Massaker. 400 Mann der Waffen-SS landeten mit Lastenseglern im Hochtal und brannten zwei Dörfer nieder, eines davon war Vassieux-en-Vercors. Die Deutschen erschossen kaltblütig Gefangene und „Verdächtige“, darunter 639 Widerstandskämpfer und 231 Zivilisten. „Kennt ihr das ‚Musée de la Résistance in Vassieux-en-Vercors’“?, fragt er uns schließlich. Dort kam es bei der Erstürmung des Höhlenlazaretts St-Martin (Grotte de la Luire) zu Exekutionen und Ermordung von Verwundeten. „Fahrt zum Museum, dort könnt ihr eine Dokumentation dieser Geschehnisse sehen“. Er schickt einen Blick hinterher der unmissverständlich sagt: Wir werden nie vergessen…
Für diesen Tag wäre ein Hotelzimmer tatsächlich die bessere Wahl gewesen. Wir müssen im Regen wieder zurück auf unseren Municipal-Campingplatz, in der wagen Hoffnung auf Morgensonne.
 
Tunnel statt Abenteuer
Durch die mächtigen Felsen der Gorges de la Bourne führt uns die Straße von oben heran an die »Grands Goulets«. Ich traue meinen Augen nicht, was dort auf dem Baustellenschild steht: Gesperrt bis März 2008. Auf Kosten der Europäischen Union wird diese atemberaubenden Motorradstrecke, der Name bedeutet so viel wie „großes Nadelöhr“ in den nächsten Jahren in einen Hochsicherheitstunnel verwandelt. Ein Trend, demzufolge auch andere Schlucht-Strecken in Frankreich zum Leidwesen von Motorradfahrerinnen und Motorradfahrer ‚entschärft’ wurden. Am Ende bleibt meist nur ein beleuchteter Tunnel. Ein kleiner Eindruck lässt sich in der Baustelleneinfahrt doch noch erhaschen. Durch eine verblockte Felsspalte mit Naturtunneln tritt man hinein in ein Galleriesystem, an dessen Ende immer wieder Ausblicke in gähnend tiefe Vercors-Niederungen bleiben – doch hier ist nun wirklich Schluss am Eisentor der Baustelle. Als Bauarbeiter mit orangenen Westen auf der Ladefläche eines Pickup’s einfahren, bin ich sehr neidisch. Ich denke insgeheim an ein Transparent mit der Aufschrift „Biker aller Länder vereinigt euch“ und „Für den Erhalt der abenteuerlichen Straßen Europas!“.
 
Jagdszenen jenseits der Route du Soleil
Im Wald von Lente, der einst vielen Resistance-Kämpfern Unterschlupf war, kreuzen andere Bewaffnete unseren Weg. In den Wäldern Frankreichs ist mit dem Herbst das Jagdfiber ausgebrochen. Unvermittelt queren Jagdgesellschaften in Camouflage-Look die Straße. Andere Grüppchen aus Jägern und Treibern sitzen gesellig zu Tisch und palavern über das Wild und ihr Jagdglück. Mit erhöhter Aufmerksamkeit fahren wir vorsichtig zum Col de la Machine, denn unser „Jagdrevier“ ist heute die ‚Route de Combe Laval’. Auch hier verläuft die Straße in der Felswand entlang, nur scheint die Höhendifferenz nach unten noch größer zu sein. Wie eine Art „Schauinsland“ Frankreichs, steigt man aus luftiger Höhe in die Wand ein. Dann verläuft die kühne Route direkt am landschaftlichen Bruch zwischen der Vercors-Hochebene und den Niederungen des Isère-Tals. Der Blick, so man ihn von der Straße abwenden mag, schweift dabei auf den gegenüberliegenden Hängen durch alles Stadien der Laubfärbung.
Unten angekommen, befindet man sich auf der anderen Seite der Grands Goulets, die mit dem „Petits Goulets“ ihren Auftakt nimmt, doch das Ende ist wieder der Baustellenzaun. Das Ziel nicht aus den Augen verlierend drehen wir um und peilen den Col de Rousset an. Nicht weit von dem ehemaligen Höhlenlazarett der Grotte de Luire, von dem uns der Mann aus Royans berichtete, beginnt die kurze Rampe hinauf zum Col de Rousset, auf dessen Südseite allerlei Veränderungen eintreten. Zum einen ist es wärmer, das Department heißt nun Drôme und ein unglaublich farbenprächtiger Laubwald umrankt die weithin sichtbaren frischen Haarnadelkurven hinunter nach St. Die. Die Fernsicht lässt im Süden den Mont Ventoux erahnen, dem wir vielleicht noch einen Besuch abstatten. Einige Serpentinen später legen wir im mediterranen St. Die einige Bekleidungsschichten ab. Bei Kaffee und Kuchen entstehen noch weitere illusorische Tourenpläne, für die sowieso keine Zeit bleibt und eine Stunde später tauchen wir dann südlich der D 93 in das ländliche Hügelland der Rhône-Alpen Ausläufer ein. Durch abgeerntete Weinberge geht es auf und ab zum Col de la Chaudière an dem man Radfahrer trifft, die eine Gipfelrast brauchen oder Pilzessucher, die prall gefüllte Körbe mit Steinpilzen schleppen. Erst auf der alten Eisenbrücke zwischen Montélimar und Le Teil kreuzen wir die Rhône und folgen den Wegweisern nach Aubenas um dann Kurs auf die Ardèche zu nehmen. Die Ardèche ist eine hüglige Fluss- und Canonlandschaft mit mediterran begünstigtem Klima, genau das, was Herbstflüchtlinge gebrauchen können. Tatsächlich, wird der Wind trotz sinkendem Sonnenstand immer wärmer als wir auf Straßen niedrigster Ordnung in Valvignès einrollen.
 
Halali in Valvignès
Am Ortseingang erklinkt im letzten Tageslicht aus polyphonen Jagdhörnern ein Halali – wir werden die Jagdgesellschaften heute nicht mehr los. Gelangten wir heute Nachmittag schon das eine oder andere Mal durch eine Schar von Jägern, kommen wir jetzt genau richtig zum Wildbrett-Essen. In diesem abgelegenen Winzerdorf hat sich das ganze Dorf eingefunden, um die Ausbeute des Tages zu bewundern. Jagdhornbläser gehen gerade bei Pastis und Wein zum gemütlichen Teil des Abends über und als unsere Nasen die Witterung von frischem Bratenduft aufnehmen, bemerken wir vier nicht mehr ganz lebendige Wildschweine, die sich über einem Holzfeuer drehen. Nett angerichtet mit Pilzen, Herbstlaub und Kastanien drehen sich die Spieße an denen Obelix seine helle Freude hätte. Es sind die Dorfältesten, die nicht mehr auf die Jagd gehen, denen das Zubereiten der Wildschweine überlassen wird. Mit Pinseln, die an langen Stangen befestigten sind wird der Braten immer wieder mit Öl und Gewürzen bestrichen. Es wird – wie im Vercors – palavert, geschwätzt und über das Jagdglück diskutiert.
Als Zaungäste werden wir auf ein Glas Ardèche-Wein eingeladen, dann steht uns noch die Strecke nach St. Martin d’Ibie bevor, die bei Nacht nicht ganz einfach zu finden ist. Auf kleinen landwirtschaftlichen Wegen unterwegs, helfen mir bei totaler Finsternis nur noch die Pfeile des GPS-Gerätes uns in das Ibietal zu navigieren. Das Ziel ist eine nette Stelle unter freiem Himmel, an der man auch mal eine Nacht verbringen kann. Es wird spät, doch als das Zelt steht und der Kocher noch etwas nicht annähernd so leckeres wie Wildschwein brutzelt, stellen sich schnell Entspannung und ein fester Schlaf ein.
 
Ardèche im Herbst
Unerwartet beschaulich geht es am Ardèche-Canyon im Oktober zu. Lässt sich der Fluss im Sommer wegen erhöhtem Kanuaufkommen trockenen Fußes überschreiten, zeigt sich jetzt ein komplett anderes Bild. Das Wasser ist aufgewühlt, es sind kaum Kajaks unterwegs und es ist am Wochenende ein Problem, ein offenes Geschäft zu finden – selbst in Vallon Pont d’Arc. Wer die Stadt vom Sommer her kennt, wird verwundert sein. Dann nämlich kennt niemand hier einen regulären Feierabend, Märkte und Geschäfte haben täglich bis spät abends geöffnet und das Geld der Camper & Kanuten klingelt in den Kassen.
In Balazuc scheint die Welt noch in Ordnung, hier zeigt der Ardèche-Steingarten, was er kann. Überall steile Felswände in denen man Figuren erkennen kann, in der Nähe der ›Cirque de Gens‹, ein Klettergebiet in dem im Halbkreis die ›Gens‹, die Felsen wie menschliche Figuren aufragen. An Balazuc’s steinernen Bogenbrücke werden wir fündig, dort liegt neben dem obligatorischen Kanuverleih auch ein Gartencafé, in dem man auch den halben Tag in der Sonne vertrödeln kann. Vereinzelte Kanus paddeln vorbei, Motorräder und Radler passieren die Brücke, nebenbei werden Eis und kalte Getränke serviert – so kann man es sich gefallen lassen. Nur ein paar Kilometer flussaufwärts liegt ein weiteres der französischen Vorzeigedörfer namens Vogüé, das schon mal den Wettbewerb der ›plus beaux villages de France‹ gewonnen hatte. Neben Balazuc und Vogüé verdient unserer Meinung auch das abgelegene Labeaume diesen Titel. Von Ruoms aus führt die unscheinbare D 245 in den Talkessel den die Beaume geformt hat. Von oben nähern wir uns den Dächern des alten Ortes mit einem Dutzend Natursteinhäusern. Vom Wasser des Flusses geformte Felswände umragen den alten Weiler auf dessen Piazza unter Platanen natürlich »Pétanque« gespielt wird. Nur geringfügig über dem Flusspegel führt eine steinerne Flutbrücke auf die andere Seite, auf der sich Gärten entlang der Flussmäander ausbreiten. In der Ferne hört man leise den Sound von zweitaktenden Trialmaschinen. Vor der ›Auberge de Rive Gauche‹ geht ein Raunen durch die Gruppe der Boule-Spieler, als jemand die kleine Boule-Kugel weggekickt und damit das Ergebnis völlig verändert. Wir lassen das Bike einfach am Flussstrand stehen und wandern ein Stück in den Gorge hinein. An einer Stelle entsteht der trügerischen Eindruck, der Fluss fließe bergauf, die horizontal geschichteten Felswände sind leicht gegen die Fließrichtung geneigt das sich das Auge täuschen lässt. Zurück im Dorfidyll kündigt ein neu angelegter Parkplatz an, dass Labeaume im französischen Sommer auch kein Geheimtipp mehr ist.
 
Ein fabelhafter Wald
Eine einspurige Straße durch eine melancholische Macchialandschaft bringt uns auf die Route nach Alès, die uns nahe Les Vans an den Chassesac und durch den ›Bois de Païolive‹ führt. Ein Freund taufte sie einmal auf die „5-Mark-Strecke“, weil sie so schön ist, dass er freiwillig für die Passage zahlen würde. Im verwunschenen Steingarten des Païolive-Waldes verstecken sich Felsformationen in Fabel- und Tiergestalten, die die Fantasie ungemein beflügeln. Ein typisch Südfranzösisch-raues Asphaltband führt mittendurch und vorbei an zahlreichen (Kanu-) Campingplätzen in den. Ätherische Düfte steigen aus der Macchia, doch Der Wald ist ein einziges Kletter- und Aussichtsparadies.
An die Grenze des Languedoc-Roussillon stößt, wer von Les Vans auf kleinsten Straßen am Chassezac und Borne entlangfährt. Ein wahrer Genuss, der fast gänzlich ohne Gegenverkehr von statten geht. In der Nähe von La Bastide ist die Straße von Kastanien übersät, ich bange um die griffigen Reifen der Pegaso. Auf dem Rückweg nach Le Vans kurven wir noch etwas um das Flüsschen Sure und verweilen an ausgewaschenen Flusslandschaften und steinernen Flutbrücken. Die Weinlese ist noch im vollen Gange und immer wieder Kreuzen Trecker mit Anhänger samt Weinlesepersonal unseren Weg. Vergessen sind in diesem Moment alle kalten Gedanken an den deutschen Herbst. Laub wirbelt auf und wir genießen den ätherischen Duft der Maccia in vollen Zügen.

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