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Mar de Plástico – Das Plastikmeer von Almería

von Bodo Marks

Wer die A7 im südspanischen Andalusien in Richtung Granada fährt, kommt nicht umhin, das Plastikmeer von Almería zu passieren. Im Fahrerfenster leuchtet blau die Küste, rechts fällt der Blick auf die rauen Berge der Sierra de Gádor. Dazwischen erstreckt sich ein Meer aus schmutzigweißen Plastikplanen, die das gesamte Tal bedecken – 350 km2 Fläche der Provinz Almería verschwinden heute unter Treibhausplantagen, und täglich kommen neue hinzu.
 
Unter den Planen schuften Arbeiter für Hungerlöhne unter elenden Arbeitsbedingungen und ernten das Gemüse, das zur Winterzeit auf deutschen Tischen landet. Allmorgendlich warten sie an den Ausfallstraßen der Ortschaften auf ihre Anwerbung durch die Patrones, um in einem der Gewächshäuser einen Tagesjob als Erntehelfer zu bekommen. Die meisten von ihnen sind papierlose Immigranten aus dem Maghreb oder Ländern südlich der Sahara, die in Booten vor den Kanarischen Inseln aufgegriffen werden. Oft haben sie keine Vorstellung von den Lebens- und Arbeitsbedingungen, die in Spanien auf sie warten. Wer Glück hat, ergattert eine Wohnung oder ein Zimmer in einem der Migrantenviertel. Einige haben sich in „Cortijos“, verlassenen Ställen oder alten Bauernhäusern, notdürftig eingerichtet. Andere leben auf der Straße. Der größte Teil jedoch wohnt außerhalb der Städte. Die Arbeiter leben in Elendsbehausungen zwischen den Gewächshäusern, in die sie abends nach getaner Arbeit zurückkehren.
 
Während die Abendsonne hinter den Plastikplanen untergeht, radeln sie auf ihren Fahrrädern die staubigen Hauptstraßen entlang, an den Lenkern baumeln Wasserkanister und Plastiktüten mit Essen. Auf verlassenen Plätzen, die als Müllabladefläche dienen, stehen ihre Hütten – „Chabolas“ aus notdürftig zusammengezimmerten Paletten, überdeckt von alten Plastikplanen. Vor den Hütten verweht die Asche der Feuerstellen, Gestank nach verfaultem Gemüse hängt in der Luft. Fliegen schwirren über Haufen von verrottendem Treibhausmüll. Trinkwasser und Elektrizität gibt es hier nicht. In den Wasserbassins, die der Bewässerung der Gewächshäuser dienen und meist die einzige Wasserquelle der Migranten sind, schwimmen alte Pestizidkanister. Immer wieder werden die Elendsbehausungen von Baggern überrollt und ihre Bewohner vertrieben, ohne dass die Behörden etwas dagegen unternehmen. Im Gegenteil ist man in der Regierung davon überzeugt, das Problem der illegalen Siedlungen mit harter Hand angehen zu müssen, und auch die Lokalregierung der Kleinstadt El Ejido bezieht deutlich Position. „Die Hütten werden aus dem Weg geräumt“, verkündete erst vor kurzem Evangelina Naranjo, Ratsmitglied der Gemeindeverwaltung von El Ejido.
 
Noch vor Jahren gehörte die Provinz Almería zu den ärmsten Regionen Spaniens. Heute zieren sauber gefegte Straßen, glänzende Glasfassaden und sorgfältig angelegte Blumenrabatten das Bild der Ortschaften. Sie zeugen von einem Reichtum, den die Gewächshauskultur vor 25 Jahren in den ehemals armen Süden brachte. Allein die Kleinstadt El Ejido besitzt heute 71 Bankfilialen und verfügt über eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen des Landes. Etwa 80.000 Immigranten, die Hälfte davon Papierlose, tragen in der Region Almería entscheidend zum spanischen Gemüseexport bei. Sie bilden einen beträchtlichen Teil der ansässigen Bevölkerung, aber sie finden hier kaum Akzeptanz. Rassismus und Xenophobie prägen ihren Alltag. Im Februar 2000 zog drei Nächte lang ein Mob vermummter Bauern und Jugendlicher plündernd und brandschatzend durch El Ejido, nachdem ein geistig verwirrter Marokkaner eine junge Spanierin getötet hatte. Mit Baseballschlägern und Eisenstangen bewaffnet jagten die Angreifer die Immigranten durch die Straßen und setzten ihre Häuser in Brand. Die Polizei schritt erst ein, als die Schläger drohten, eine Gruppe Marokkaner zu lynchen, die in einer Cafeteria Zuflucht gesucht hatte. Bis dahin waren die Einsatzkräfte der Anweisung gefolgt, nicht einzugreifen.
 
„Die Immigranten, die unter dem Plastik arbeiten, sind die Sklaven von heute. Die Bauern verdienen ihr gutes Geld an uns, aber sie behandeln uns wie Dreck“, sagt Abdelkader Chacha. Vor dreißig Jahren kam er selbst aus Marokko, um in den Gewächshäusern sein Glück zu suchen. Heute ist er Mitarbeiter der Landarbeitergewerkschaft SOC, die sich für die Rechte der papierlosen Arbeitsimmigranten einsetzt und gegen ihre Ausbeutung durch die Unternehmer kämpft. „Für die illegalen Einwanderer aus dem Maghreb und den Ländern südlich der Sahara bedeuten die Gewächshäuser das Tor nach Spanien. Nur hier wird es von offizieller Seite geduldet, Illegale zu beschäftigen. Doch die Situation der Arbeiter ist fatal. Obwohl der Vertrag für Tagelöhner in der Landwirtschaft auch für die Papierlosen gilt, handeln die Patrones willkürlich, zahlen weit unter dem Mindestlohn und lassen die Arbeiter Pestizide ohne Schutzkleidung spritzen“, erklärt er uns.
 
Wenige Tage später begleiten wir ihn zu einem Gewächshaus nahe der Stadt Almería. Dreißig Arbeiter befinden sich im Streik und fordern sauberes Trinkwasser, Atemschutzmasken und den vertraglich festgelegten Stundenlohn. Sie stehen in der sengenden Mittagshitze vor der Halle, Erregung spiegelt sich in ihren Gesichtern, als sie dem Gewerkschafter ihre Situation erklären. „Seit vier Monaten sprühe ich Tag für Tag Gift. Immer nur mit dieser Maske aus Papier. Manchmal arbeite ich sechzehn Stunden am Tag und bekomme dafür 36 Euro“, erzählt Mohammed. Der Patrón ist weit davon entfernt, klein beizugeben. Doch am Ende siegt die Angst um den Profit, und man einigt sich auf eine gewisse Verbesserung der Produktionsbedingungen. Die Ernte muss am selben Tag noch raus.
 
Bei Agrupaejido, einer der größten Versteigerungsplattformen für Obst- und Gemüse in der Region, herrscht sechs Tage in der Woche geschäftiges Treiben. Fünftausend Bauern setzen hier pro Jahr ihre Treibhausprodukte ab, die an Abnehmer in ganz Europa gehen. Durch Billigdiscounter und Supermärkte landen die Produkte ohne Umwege auf deutschen Tischen. Auch wenn einige der Produkte einer gewissen Kontrolle durch lokale Behörden und Zertifizierungsinstanzen wie EurepGAP unterliegen, reicht das noch lange nicht aus, um die menschenunwürdige Situation der Arbeiter vor Ort zu verbessern. [Text: Shelina Islam]