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Tausche Zigaretten gegen Handgranate - Im abchasischen Kodorital

von Timo Vogt

30 Kilometer entfernt von der abchasischen Hauptstadt Suchumi, nach einstündiger Fahrt passiert man auf dem Weg nach Nordosten einen Tunnel, der durch ein senkrechtes Felsmassiv geschlagen wurde. Die strategische Bedeutung des Durchgangs lässt sich an den zahlreichen Granateinschlägen an den Wänden ablesen. Der Tunnel ist das Eingangstor in die Kodori-Schlucht, in der es seit Jahren Scharmützel zwischen georgischen und abchasischen Kämpfern gibt. 200 Meter unterhalb des ausgefahrenen Weges wirbelt das türkise Wasser des breiten Bergflusses ins Tal. Die atemberaubende Berglandschaft ist Schauplatz für einen der vielen ungelösten Völkerkonflikte im Kaukasus.
 
Als die Sowjetunion zerfiel, erklärten sich zunächst Georgien und dann die Region Abchasien für unabhängig. Doch die Georgier akzeptierten die Loslösung der kleinen Schwarzmeerprovinz nicht, da Abchasien unter dem Georgier Josef Stalin 1931 der Georgischen SSR angegliedert wurde. Es kam zu einem blutigen Bürgerkrieg, in dessen Folge Tausende starben und eine Viertelmillion Georgier aus Abchasien vertrieben wurden. Die Abchasen, die in der Regel mindestens ein Opfer pro Familie zu beklagen hatten, schlugen die Georgier mit Hilfe russischer Waffentechnik und freiwilligen Kämpfern aus dem Nordkaukasus zurück. Seit 1994 herrscht ein brüchiger Waffenstillstand, der von einer Friedenstruppe der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) durchgesetzt werden soll und von einer Beobachtermission der UNO unter deutscher Beteiligung überwacht wird.
 
"Wenn die Georgier kommen scheiden wir ihnen die Kehlen durch", sagt Dima cool und streicht dabei mit dem Daumen über seinen Hals. Die martialischen Worte des abchasischen Kommandeurs passen zu seinem Outfit. Die Augen hat er hinter einer Sonnenbrille versteckt und die Haare wie ein Pirat in ein Tarntuch gewickelt. Erst einen Tag zuvor haben seine Soldaten, die überwiegend noch Teenager sind, georgische Freischärler in die Flucht geschossen, die bis zum Camp dieser abchasischen Kampftruppe vorgedrungen waren. Jetzt sitzen die Männer in Badelatschen unter Bäumen, um sich gegen die unerbittlich heiße Mittagssonne zu schützen. Andere liegen auf Bettgestellen ohne Matratze im Freien, die Kalaschnikow an die Bettpfosten gelehnt und immer griffbereit. Unbewaffnet geht man hier nicht einmal zum Zähneputzen. Im Waffenlager der verwegenen Truppe stapeln sich kistenweise Handgranaten, Einwegpanzerfäuste und andere schultergestützte Granatwerfer. Einer der Soldaten zeigt all dies voller Stolz, während er in dem mit explosiven Stoffen vollgestopften Raum an seiner Zigarette zieht.
 
In den Schluchten des Kodori-Tals stehen sich Georgier und Abchasen bewaffnet und unversöhnlich gegenüber. Den oberen Abschnitt des Tals haben die Georgier seit dem Ende des Bürgerkriegs 1993 unter ihrer Kontrolle, obwohl das Gebiet auf abchasischem Territorium liegt. Im unteren Teil halten die Abchasen an jedem Meter fest, als sei es das Letzte was sie für ihr 8.600 Quadratkilometer großes Land tun könnten. Dazwischen hält sich die GUS-Friedenstruppe auf, die Blutvergießen verhindern soll und doch klar auf der Seite der Abchasen steht. Die Geschütze der nur aus Russen bestehenden Truppe zeigen meist nur in eine Richtung - die aus der die Georgier kommen könnten.
 
Bei den nicht mehr ganz jungen Kämpfer der "Speziellen Operationen" glimmt ein offenes Feuer in einer dunklen Holzhütte. Daneben steht ein Bauernhaus mit Weinranken über der Terrasse. Von dieser Idylle aus ziehen sie nachts bewaffnet los und finden häufig Georgier, die, -ebenso bewaffnet- auf der Suche nach Abchasen sind. Regelmässig kommt es zu Gefechten in dem bewaldeten Tal.
 
Das abchasische Bergdorf Lata besteht nur noch aus einem Bauernhaus und einer Schulruine, die als Basis der russischen Friedenstruppe dient. Mittags ziehen die jungen Männer mit Badehose und Kalaschnikow los, um sich im Kodorifluß abzukühlen. Andere besuchen den letzten zurückgeblieben einheimischen Bauern, während zwei abchasische Kämpfer dazukommen und eine Kiste voll russicher Schmuggel-Zigaretten abholen Als Bazahlung drücken sie dem Abchasen eine Handgranate in die Hand. Abchasisches Business in Zeiten von politischen Spannungen.