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Die Kerosinfrauen von Hoktember

von Timo Vogt

Ein beißender Geruch steigt in die Nase. Er kriecht durch die offen stehende und von tausenden Kinderhänden abgewetzte Eingangstür der Dorfschule in Hoktember. Im dunklen Foyer riecht es, als wäre ein Benzintank ausgelaufen. Frauenstimmen hallen in dem Gebäude mit ausgetretenen Treppenstufen und manchmal notdürftig geschlossenen Fenstern wider. Es ist nur ein kleiner länglicher Raum im Erdgeschoss in dem die vier Hausmeisterinnen einen Teil ihrer täglichen Arbeit erledigen. Durch das einzige Fenster scheint diffuses Tageslicht auf die Kanister und die grosse dunkle Lache am Boden. Überall verstreut liegen leere verbeulte Limonadeflaschen aus Plastik herum. Mit nackten Händen taucht eine der Damen in ihren besten Jahren eine am Rand zusammengedrückte Dose in den grossen Eimer mit dem Kerosin und füllt sie. Danach gießt sie den stinkenden Treibstoff über einen Blechtrichter in eine der Limoflaschen. So oft bis die Flasche voll ist, zugedreht wird und in einem Stoffbeutel verschwindet.

Die Frauen bereiten mit heiteren Kommentaren ihren nächsten Arbeitstag vor. Wenn um neun Uhr in der Früh die Schüler in den Klassenräumen der Schule von Hoktember verschwinden, werden die Frauen aktiv. Ihr Auftrag ist es, die Räume des maroden Schulgebäudes in Hoktember, gelegen in der armenischen Armavirebene, unweit der türkischen Grenze, so gut es geht warm zu bekommen. Die regulären Heizkörper funktionieren schon lange nicht mehr. Pro Lehrraum steht den Frauen eine jener gefüllten 1500 ml fassenden Plastikflaschen Kerosin zur Verfügung. Kurz nach Neun stapfen sie los und überqueren mit den schmuddeligen Stofftaschen mit den Spritflaschen den Schulhof - wechseln das Gebäude. Wie die Flaschen sind auch die Räume zugeteilt. Schnell werden die klinkenlosen Türen, die sich nicht selten nur noch mit ach und krach in den Angeln halten, aufgeschoben. Die Öfen in der Nähe der Fenster sind kleine runde Metallkörper. An einer Seite ist ein eckiger Kasten, der ein Zuflussröhrchen besitzt, welches in die Brennkammer führt. Ein meterlanges Ofenrohr als Rauchabzug geht mit einem rechtwinkligen Knick durch ein Fenster hinaus ins Freie.

Wortlos und routiniert schreiten die Hausmeisterinnen durch die tristen Klassenzimmer an den Schülerinnen und Schülern vorbei. In wenigen Sekunden ist das Kerosin in den am Ofen hängenden Kasten gefüllt. An einer simplen Schraube wird die Zuflussmenge reguliert und dann kommt gänzlich unspektakulär der Höhepunkt. Mit einem angerissenen Streichholz zwischen den Fingern greifen die Heizerinnen von oben in die Brennkammer. Es brennt! Und weiter geht es ohne unnötig Zeit zu verschwenden, denn andere wollen es auch noch warm haben. Im Klassenzimmer, wo der Unterricht weitergeht, bleibt Tankstellengeruch zurück.

Zwar sind in Hoktember Anfang Dezember die Temperaturen tagsüber meist über dem Nullpunkt, doch durch Spalten in Türen und Fenstern kriecht die Kühle in die Knochen der dasitzenden Schüler. Vor einem Jahr brach der Winter ungewöhnlich früh und kalt über Hoktember rein. Bibbernd saßen die Kinder über ihren Büchern und die Frauen mit den Spritflaschen hatten alle Hände voll zu tun.
 
Wenn alle Öfen brennen treffen sich die Kerosin-Frauen in ihrem kleinen Aufenthaltsraum. In dem fensterlosen Verschlag mit löchriger Tür direkt nach draußen zum Schulhof, versammeln sie sich und bereiten ihren Mokka, ohne den in Armenien eine Pause keine wäre. Über einer glühenden Drahtspirale, die auch als Heizung dient, köchelt das Koffeingetränk. Während die Frauen ihre Hände wegen des üblen Brennstoffgeruchs von sich weg halten, flackert es oben bei den Schülern in den kleinen Öfen vor sich hin – bis lange vor Schulschluss das Kerosin verbraucht ist und durch die kaputten Fenster die winterliche Luft wieder hereinströmt. Die Schüler mümmeln sich dann wieder in ihre Winterjacken, bis vor Weihnachten die Schule schließt und alle von der Fröstelei befreit. Wenn sich die schlimmsten Wintertemperaturen in einigen Wochen verzogen haben, wird der Unterricht wieder aufgenommen. Bald darauf werden die Kerosin-Frauen von Hoktember die Plastikflaschen beiseite legen können. Erst ein halbes Jahr später müssen sie wieder ausschwärmen, um ein bisschen Wärme zu verbreiten.