Mit dem Frühling drängt es die Saatgut- und Chemiekonzerne auf die Felder, um gentechnisch manipulierte Pflanzen zu säen. Meist sind es in Deutschland nur Versuchsflächen auf denen Genpflanzen wachsen sollen. In Northeim will im April das Einbecker Saatgutunternehmen KWS die "Roundup"-resistenten Zuckerrüben von Monsanto testen. Der Stadtrat sprach sich gegen den Versuch aus und eine Bürgerinitiative gründete sich. Zum Aussaattermin kam in den frühen Morgenstunden eine Gruppe Aktivisten auf den Acker. Sie kamen um zu bleiben.
Eingerahmt durch Fern- und Regionalbahnlinien von drei Seiten und ungezäunt mit einem Maschendrahtzaun des Unternehmens, halten die Aktivisten das Feld besetzt.
"Mit unserer friedlichen Besetzung wollen wir die Aussaat verhindern, da
wir das Freisetzen von gentechnisch veränderten Organismen in die
freie Natur für eine hochriskante Unternehmung halten." Zumeist sind es Studenten ökologischer Agrarwissenschaften aus Witzenhausen, die hier knöcheltief im Matsch Zelte bauen.
Das Wetter wechselt häufig. Schauer weichen den Boden auf. Die anschließenden Sonnenstrahlen trocknen die klammen Pullover. Die Northeimer Bürger trauen sich anfangs nicht so recht auf den Acker, hupen dafür aber stetig von der nahen Bundesstraße herüber. Das Credo: "3x hupen gegen Gentechnik". Eine Regionalbahn tat es ihnen gleich.
Das Gesundheitsamt zeigte gesteigertes Interesse für den Donnerbalken und die Vertreter der KWS an einem baldigen Abzug der Besetzer. Die beginnen stattdessen mit der Errichtung eines Bauwerkes aus drei hohen hölzernen Dreibeinen, die in ihrer Mitte eine Zelt-Plattform in luftiger Höhe aufnehmen.
Kochen, abwaschen, diskutieren und essen! Nach Mitternacht finden sich im Gemeinschaftszelt bei mattem Kerzenschein immer wieder einige zum Naschen, was die Kisten mit den gespendeten Lebensmittel hergeben. Die abgegebenen Kuchen vom Tage sind dann aber schon längst in den Aktivisten verschwunden.
Auftauchen wird hingegen bald die KWS, die den "Dialog" möchte, aber letztlich keine Nebenbuhler auf ihrem Land dulden will. Viel wird über das Bevorstehende geredet. Mit einer Räumung rechnen die meisten unter den Feldbesetzern. "Wir bleiben so lange auf dem Acker, bis wir eine schriftliche Zusage der KWS haben, von ihren Versuchen zurückzutreten. Wir fordern die KWS auf, ihre Gentechnik-Forschung einzustellen und ihr gewiss vorhandenes Potential zur Erforschung und Erhaltung alter und angepasster Nutzpflanzensorten einzusetzen."
Die Mehrheit der Europäer lehnt genetisch veränderte Nahrungsmittel ab. Der direkte Widerstand gegen die Risikotechnologie hat verschiedene Protestformen entwickelt. Bis Ende April waren in diesem Jahr bereits fünf Felder für Freisetzungsversuche mit genveränderten Pflanzen besetzt worden.