Investitionen erhofft man sich im georgischen Bergdorf Dgvari nicht mehr. Die 600 Seelen Gemeinde schmiegt sich an den Nordhang des Berg Oschara, der 2.600 Meter aufragt. Ackerland und Weideland in kleinen Rechtecken umrahmen den Ort im Südwesten Georgiens, am Kleinen Kaukasus gelegen. Doch die Idylle trügt, spielt sich in Dgvari doch ein Drama ab.
Es begann vor 35 Jahren. Damals wurde der Ort mit seinen in ärmlichen Verhältnissen lebenden Bewohnern zum ersten Mal von einem Erdrutsch erschüttert. Seit dem ist der Abhang des Oschara nicht mehr zur Ruhe gekommen. Als würde ein Fluch über Dgvari gekommen sein, rutscht das Land unentwegt hinab ins Tal. Und alle Menschen, Häuser und Wege rutschen langsam mit.
Nur auf eine grobe Gartenhacke gestützt kann sich Tamara Gogoladze auf den Beinen halten. Den Obenkörper nach vorne gebeugt, als habe das Rückgrat der 84-jährigen schon aufgegeben sie aufrecht halten zu wollen. In vorsichtigen Schritten tastet sich Tamara aus ihrem Garten in den Innenhof ihres Grundstücks. Sie zeigt auf ihr Haus, oder das was davon noch steht. Zwei weggebrochene Mauern haben das Wohnzimmer freigelegt. Eine blaue Plane und einige Bretter sollen notdürftig vor den Einflüssen des rauhen Wetters schützen. Stützen halten die Decke, damit sie nicht auch noch in sich zusammenfällt. „Alles ist kaputt und ich bin alleine mit all dem hier“, klagt Tamara.
Der langsame aber stetige Erdrutsch hat kein Haus in Dgvari verschont. Im letzten Sommer kamen dann plötzlich Bagger. Da erst erfuhren die Bewohner, dass oberhalb ihres Dorfes die BTC-Pipeline im talwärts gleitenden Erdreich vergraben werden soll - in einem insgesamt 17 Kilometer langen stark vom Abrutschen gefährdeten Bereich. Die Angst der Bewohner vor einer Zunahme der Erdbewegung und damit einhergehenden Zerstörung Dgvaris durch die Bauarbeiten an der Pipeline seien durch BP vom Tisch gefegt worden. Verzweifelt blockierten die Bewohner die Baustelle vier Tage lang. Daraufhin habe BP eine Zahlung von 2 Millionen Dollar an die georgische Regierung geleistet, damit diese sich dem Problem Dgvari annähme.
Als wäre es ihre letzte Hoffnung klammern sich die Menschen Dgvaris an eine vage Aussage der Regierung sie zu entschädigen. Mit dem Geld könnten sie sich an einem anderen Ort eine neue Existenz aufbauen, erklärt der Kleinbauer Besik Gogoladze. „Doch ich habe große Angst, dass wir wegen der in Georgien krassierenden Korruption leer ausgehen könnten,“ meint er bitter.