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Moskau ganz unten - der Wärmebus für Obdachlose

von Timo Vogt

Zerzauste Hunde streifen umher und beschnuppern die am Boden liegenden
Menschen. Dicht an dicht liegen sie nebeneinander. Ihre Unterlagen sind Pappfetzen. Um sie herum treibt der scharfe Wind den Schnee nieder auf den Asphalt. Ein Rauschen aus der Tiefe drückt warme Luft aus einem Metroschacht und bläst sie über die Körper der schlafenden Obdachlosen hinweg. Für heute Nacht ist die stickige
Warmluft die einzige flüchtige Decke, die diese in der Megametropole Moskau gestrandeten Menschen zudecken wird.
 
Sie haben tränige Augen, tragen mehrere Schichten Lumpen am Leib. Der Alkohol hat ihre Körper aufgeschwemmt wie Wasser einen Laib Brot. Sie sind "Bomsch" (бомж - Без определенного места жительства), Menschen ohne festen Wohnsitz. Mehrere zehntausend Obdachlose sollen durch die Straßen der russischen Hauptstadt Moskau ziehen. Quasi eine Stadt in der Stadt, nur dass es in dieser keine schützende Dächer und vier Wände gibt.
 
Um das Zentrum Moskaus herum gruppieren sich acht Fernbahnhöfe. Orte, an denen viele der Wohnungslosen Unterschlupf für die Nacht suchen. Wenn sie nicht von der Miliz verjagt werden, drücken sie sich in den Eingangsportalen herum und in den langen Gängen.
 
Die kirchliche Organisation "Barmherzigkeit" betreibt seit 5 Jahren einen Bus, mit dem im Winter jede Nacht die Bahnhöfe angefahren werden. Etwa zwei Dutzend Plätze habe sie in ihrem alten sowjetischen Autobus. Plätze die für jene reserviert sind, die noch tiefer als "unten" sind. "Bomsch", die zu all der Armut und dem Alkoholismus auch noch krank geworden sind. Zerfrorene Gliedmaßen, fiebrige Grippe, Krätze, Hepatitis oder gebrochene Knochen. Ohne Hilfe stehen ihre Chancen schlecht, den rauhen Moskauer Winter mit seinem steifen Wind zu überleben.
 
Wiatscheslaw, Lew und die anderen Helfer in ihren blauen Anzügen und dem Mundschutz im Gesicht, stehen jede Nacht vor der existenziellen Frage, wen sie mitnehmen und wen sie zurück lassen. Für alle reicht der Platz nicht und nur die schwersten Fälle können versorgt werden. "Es gab leider auch Nächte, in denen wir die Lage von manchem falsch einschätzten", meint Wiatscheslaw bitter. Fehleinschätzungen, die tödlich enden können. "Doch eigentlich ist es ein guter Job, weil wir jeden Tag Leben retten! Das ist ein gutes Gefühl". An den Wänden des Busses sind überall kleine Ikonen-Bildchen festgemacht.
 
Die Nacht ist lang und kalt. Vorne im Bus ist ein kleiner Teil mit einer Wand für die Helfer abgetrennt von den Sitzplätzen der Obdachlosen. Die kauern sich mittlerweile kreuz und quer auf den Sitzen. Ein unterkühlter Mann mit gelähmten Beinen will unbedingt liegen und streckt sich auf den vom hereingelaufenen Schneematsch aufgeweichten Boden zwischen die Füße der anderen. Ein junger Mann hat seinen Kopf auf die Schulter seines Sitznachbarn gelegt. Ein quälender Geruch verteilt sich im ganzen Bus. Ausdünstungen von zwei Dutzend Menschen, vielleicht seit Wochen nicht richtig gewaschen, fiebrig, alkoholisiert.
 
Wer das "Busticket" bekommt kann ein wenig schlafen. Morgens gibt es Frühstück, danach eine Dusche und die Kleidung wird desinfiziert. Erst dann kommen Ärtze zur Untersuchung. Vorher möchte sich in Moskau niemand der Gesundheit der "Bomsch" annehmen. Wer es bis hierher geschafft hat gehört plötzlich zu den "Privilegierten" unter den Bomsch - zu jenen die Hilfe bekommen. Gestern hatten sie nur das nackte Leben, jetzt bekommen sie sogar einen Arzt. Ohne den Wärmebus der orthodoxen Kirche könnten sie sehr schnell am Ende sein. Doch nur sehr wenige können überhaupt versorgt werden. Tausende andere in Moskau müssen sich selber helfen, an jedem einzelnen Wintertag.