Wie ein Aal gleitet der Butt durchs Fahrwasser der Elbe. Am Steuer seines Kahns steht Olaf Jensen. Der Fischer tuckert vorbei an Ozeanriesen die ihn mehr als haushoch überragen. Er biegt um die Ecke, Kurs Athabaskahöft. Es ist fünf Uhr in der Früh, noch liegt der Hafen im Halbdunkel. Er legt den Leerlauf ein.
Mit weit ausholenden Armbewegungen holt Jensen seine Reuse an Bord. Überall im Boot zappelt es. Drei, vier, fünf Zander sind ihm ins Netz gegangen. Die kleinen Fische wirft er zurück, der verwertbare Fang geht in den Korb. Acht stattliche Zander von gut drei Pfund sind dabei. Der Fischer sagt: „Ich bin gerne auf dem Wasser, wohne drüben in Altona, das heißt Stadtleben und hier auf dem Wasser gibt’s kein Stress, und der Fang auf der Elbe bringt mir etwas ein.“
Seit 22 Jahren geht er Fischen. „Als Schuljunge ging ich oft Angeln, später habe ich mir dann Boot und Netze gekauft um mein Geschichtsstudium mit Fischen zu finanzieren. „Das lief so gut, da habe ich mich kurz vor dem Diplom gegen das Leben als Akademiker entschieden, so bin ich Fischer geworden. Das Fischen muss wohl schon in den Genen stecken,“ meint der 47-jährige Hamburger verschmitzt; Sein Steckbrief; groß, schlank, buschige Augenbrauen, blaue Augen, rotblondes Haar, unrasiertes Gesicht. Jetzt erreicht er sein Toprevier auf der Reethe, weit und breit kein Mensch zu sehen, nur Industrie.
„Da am Dalben hängt noch meine Leine,“ schimpft Jensen. „Irgendjemand schneidet mir die Reusen einfach ab.“ Des Öfteren sind ihm hier nicht nur die Fische, sondern die teuren Netze gestohlen worden. „Hier im Hafen wird viel geklaut,“ sagt Jensen. Er träumt gerne von der guten alten Zeit: „Noch vor 150 Jahren galt die Elbe als fischreichster Strom Europas, Stint konnte man mit ´nem Eimer rausholen, die Schweine hat man damit gefüttert. Stint, ist ein kleiner Weißfisch, vom Januar bis März zog er in großen Schwärmen den Strom hinauf.“ Seit zehn Jahren kommt er schon wieder, von da an ging es aufwärts, erzählt Jensen.
Vor vier Jahren kam Jensen auf die Idee, die Wollhandkrabbe, sie wurde 1912 mit Schiffen aus Asien eingeschleppt und galt bisher als lästiger Beifang, zu vermarkten. Also bot er die Krabben einem Koch an. Und so war Jensen der erste, der in chinesischen Restaurants gute Abnehmer für die Krustentiere gefunden hat.
Heute weiß mancher die Tiere als Delikatesse zu schätzen. Wieder weht nasskalter Nordwestwind, dazu Regen. Der Außenborder zerteilt mit seinem Geknatter die Einsamkeit. Tiefer 25 PS Sound röhrt, als Jensen den Yamaha Motor aufdreht, bemerkt er lakonisch: „Nun geht es immer auf südlichen Kurs, ins romantische Dreiburgenland; Hamburg, Harburg, Wilhelmsburg.“ Die Köhlbrandbrücke, Hamburgs Wahrzeichen, spannt sich über das Gewässer. Silos der Ölmühle ragen gegenüber von Bergen aus Erzen, am Altenwerder-Ufer auf. „So een Schiet Wetter,“ flucht er, als er in der Rugenberger Schleuse warten muss. Jetzt unterquert Jensen die Brücke. Kein Vergleich will gelingen, außer der von der Ameise, die sich ins Reich der Riesen vorwagt. Im Hafen verteilt liegen Jensens 25 Reusen, alle muss er regelmäßig liften.
Auf dem Rückweg über die Süderelbe geht es an Moorburg und Altenwerder vorbei, Altenwerder Container Terminal steht dran. Der modernste Terminal der Welt steht hier, laut der Hamburger Port Authority. In den Siebziger Jahren standen hier noch Dörfer, bevor der Hafen in die Elbmarsch hinein erweitert wurde. Jensen sagt: „Die Gewässer sind deshalb nicht schlecht, sonst hätten die Behörden die Fische ja nicht schon vor Jahren zum Verzehr frei geben.“
Nach zehn Stunden harter Arbeit fährt der Fischer zum Liegeplatz zurück, während computergesteuerte und mit Barcodes versehene Container von Geisterhand be- und entladen werden. Jensen grübelt während er neben dem dröhnenden Außenborder hockt, macht sich Sorgen um die Zukunft.
„Allein durch das rücksichtslose Zuschütten des Mühlenberger Lochs verschlechterte sich die Lage, die meisten Fischarten kamen dort in die Flachwasserzone zum Laichen.“ Als besonders schützenswert hatten Experten aus mehreren Ländern das Biotop eingestuft. Doch die Wirtschaftsbehörde plant schon wieder die Fahrrinne der Elbe zu Vertiefen, das Flussbett wird radikal ausgebaggert. Der Fisch kommt schon jetzt nicht mehr gegen die Strömung an, das führt zu Stress und schließlich zum Tod. „Alles hat Auswirkungen auf die Fischbestände, das merken wir Fischer zu erst.“ Hinzu kommt in jedem warmen Sommer der Sauerstoffmangel in der Elbe.
„Nun beobachte ich, dass die Fische sich immer mehr in die wenigen stillen Bereiche des Hafens zurückziehen. Die Behörde hat vor, die zur Fischerei ausgewiesenen Flächen stark einzuschränken. Am Ponton macht Jensen sein Boot fest, nimmt die Pütz, spült damit Schlick und Schleim über Bord.
Zuerst säubert er die Fische, bevor der Fang ausgeliefert werden kann. Sonnabends räuchert Jensen seine Aale, er verkauft sie warm, vom Räucherofen aus. Am Sonntag früh um fünf Uhr steht er auf dem Hamburger Fischmarkt dealt mit heißer Ware.
Im traditionellen blau-weiß gestreiften Fischerkittel sieht man Jensen neben den Marktschreiern stehen. „Werben brauche ich nicht, der geräucherte Aal geht weg wie geschnitten Brot.“ Sagt Jensen mit einem Schmunzeln.
„Mein Erlös lag im Jahr 2005 bei 13000 Euro für die Elbfischerei“ so Jensen. Wenn seine Frau nicht dazu verdienen würde, wäre das nie genug für die vierköpfige Familie. Auf dem Armaturenbrett liegt ein Brief, worin Jensen in amtlichem Tonfall mitgeteilt wird, dass der Vertrag für seinen Liegeplatz nicht verlängert wird.