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Bismarckbad geht baden

von Christian Kaiser

Im „Bissy“, wie das Bismarckbad in Hamburg-Altona liebevoll hieß, ging ich während der letzten 12 Jahre oft zum Schwimmen und Saunen und mit meinem Sohn Jan zum Babyschwimmen, ein Ringelpietz mit anfassen und Singen in der kleinen Halle. Wir trafen oft Bekannte mit ihren Kindern. Und wenn ich dann das Gefühl bekam, mich kurz verdrücken zu können, kletterte ich verbotenerweise über die Absperrung, schlich in die Sauna - ohne den höheren Eintrittspreis zu bezahlen. Dort schwitzte ich 10 Minuten illegal und kam mit hochrotem Kopf wieder raus. Das hatten die Bademeister natürlich bald spitz bekommen.
 
Dann war Jan mit 6 Jahren schließlich so weit, das Seepferdchen-Abzeichen in der großen Freizeithalle zu machen. Seine Mutter und ich standen gebannt vor Anspannung uns sahen wie der kleine Mann auf dem Dreimeterbrett stand und in die Tiefe schaute. "Soll ich wirklich?" muss er sich gefragt haben. Dann hüpfte er tatsächlich herunter, tauchte ins Wasser ein und kam wieder an die Oberfläche.
 
Da war der Umkleideraum mit all den Kinder, die ihre Strümpfe, Unterhosen und Mützen suchten. Und die wartenden Eltern, die nicht beim Anziehen helfen sollten. Nach bekannt werden der Abrisspläne, bildete sich eine Initiative zum Erhallt des Bades. Ein Volksentscheid sprach sich eindeutig für den Erhalt und gegen einen Neubau an anderer Stelle aus. Der Senat und die senatseigene Bäderland GmbH verkauften das begehrte Grundstück des Bismarckbads dennoch an einen Investor. Das Personal wurde entlassen und bekam seine Papiere, wie es sich an der Kasse herumsprach. Ich habe die Unterschrift meines Sohnes darunter gesetzt, hat nix geholfen, auch nicht meine fünffach geleistete Unterschrift.
 
In den Ruinen kommen mir viele Erinnerungen wieder so lebhaft vor, als könnte ich sie sehen, aber das einzige, was außer dem schwimmbadtypischen Geruch übrig blieb, sind die Fliesen, das Schild "Umkleide", am Beckenrand das Plastikschild "Wassertiefe 3 Meter" und "1, 20 Meter" im Nichtschwimmer. Auf dem Blau noch immer gut erkennbar: die dicken Kalkablagerungen. Ja, von den 100 Jahren, die es das im Jugendstil erbaute Bismarckbad gegeben hat, habe ich auch gut 10 Jahre miterlebt. Das ist nun Geschichte. Das Bad musste weg. Es war einfach nicht mehr schick genug. Das angrenzende Mercado ist ein gut laufendes Event-Shopping-Center, das darf sich jetzt mit Parkhaus dorthin ausbreiten, wo Kinder seit Generationen schwimmen lernten.
 
Gegenüber stand einer der schönsten historischen Bahnhöfe Norddeutschlands, der Altonaer Bahnhof von 1898. Zwei Weltkriege hat das Gebäude überstanden, wenn auch mit Blessuren. Doch mit der Sichtbeton-Bauwut war es 1980 dahin mit der Herrlichkeit. Abriss steht in Hamburg immer schon ganz hoch im Kurs. Vor der eigenen Geschichte scheint man sich hier zu schämen. Wenn man überhaupt auf ein geschichtsträchtiges Gebäude stößt, so ist es meist tot renoviert, mit grellen Farben zugekleistert wie ein billiges Flittchen. "Geiz ist geil" steht über dem neuen Bahnhofsgebäude, seit ein Elektronikdiscounter dort samt Parkhaus eingezogen ist. Doch mit der Play Station kann niemand schwimmen lernen.
 
Das Bismarckbad ist Geschichte. 2008 soll ein neues Bad für 14 Millionen in der Holstenstraße gebaut werden.